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Gut genug ist nicht lieblos: Wie du ungeschriebene Regeln und Perfektionismus loslassen kannst

Stell dir vor, du hast liebe Menschen zum Abendessen eingeladen. Eigentlich soll es ein gemütlicher Abend werden, nichts Besonderes. Der Auflauf ist im Ofen, der Tisch gedeckt. Du könntest dich jetzt hinsetzen.

Stattdessen fällt dein Blick auf das staubige Regal. Dann auf die Fenster. Und zwanzig Minuten bevor es läutet, stehst du mit dem Staubsauger im Flur. Als die Gäste kommen, ist alles perfekt. Nur du bist erledigt.

Ich kenne das selbst sehr gut. Und ich höre es so oft von Frauen in meinem Umfeld: Wir wollen etwas Schönes erleben und stellen dabei Anforderungen an uns, die mit dem eigentlichen Erlebnis kaum noch etwas zu tun haben. Wer hat eigentlich beschlossen, dass für einen netten Abend die Fenster frisch geputzt sein müssen?

In meinem Buch „Alles bestens. Fast.“ nenne ich das die Regeln, die niemand aufgeschrieben hat. Heute möchte ich mit dir genauer hinschauen, wie sie entstehen und wie du ihnen ein Stück Macht nehmen kannst.

Die ungeschriebenen Regeln in deinem Kopf

Die meisten dieser Regeln klingen völlig vernünftig. Man sollte seine Aufgaben ordentlich erledigen. Man sollte für andere da sein. Man sollte dankbar sein und sich nicht so anstellen. Genau deshalb fallen sie uns so selten auf.

Woher kommen diese inneren Antreiber? Manche Sätze haben wir als Kind wirklich so gehört. Andere wurden nie ausgesprochen. Wir haben einfach beobachtet, wie die Menschen um uns herum gelebt haben, und es übernommen. In meiner Arbeit sehe ich immer wieder, wie tief solche Prägungen reichen, oft über Generationen. „Schuster, bleib bei deinen Leisten.“ „Stell dein Licht nicht so in den Vordergrund.“ „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.“

Und einige Regeln haben wir uns selbst gebaut, weil sie uns irgendwann geholfen haben. Zuverlässigkeit, Rücksicht und Verantwortung sind ja wertvoll. Das Problem ist nicht der Grundsatz an sich. Schwierig wird es, wenn er starr wird. Wenn du nicht mehr entscheiden kannst, wann etwas wichtig ist und wann es auch einmal anders gehen darf.

Wenn aus „Ich möchte“ ein „Ich muss“ wird

Dieser Übergang passiert fast immer unbemerkt. Du beginnst etwas aus Liebe oder Freude: ein Geschenk für deine Freundin, einen Kindergeburtstag, ein Essen mit Freunden. Und irgendwann sitzt du um Mitternacht da und bastelst Namensschilder. Aus einer schönen Idee ist eine Pflicht geworden, bei der du alles richtig machen willst.

Perfektionismus stellen wir uns oft laut und kontrollierend vor. Im Alltag kommt er viel leiser daher:

  • Du liest eine E-Mail viermal durch, obwohl sie längst klar ist.
  • Du probierst etwas Neues erst aus, wenn du dich „ausreichend vorbereitet“ fühlst.
  • Du bekommst ein Kompliment und erklärst sofort, was noch besser hätte sein können.
  • Du hattest einen schönen Familientag und ärgerst dich abends über den einen ungeduldigen Moment.
  • Du darfst dich erst hinsetzen, wenn wirklich alles erledigt ist.

Gerade der letzte Punkt kostet so viel Kraft. Denn in einem echten Leben ist nie alles erledigt. Der Moment, in dem du aufhören darfst, verschiebt sich zuverlässig nach hinten. Und dazu kommt der ganze Mental Load, das ständige Mitdenken für alle. Du möchtest eine gute Mutter sein, eine aufmerksame Freundin, eine verlässliche Kollegin und eine liebevolle Partnerin. Am liebsten alles gleichzeitig und alles zu hundert Prozent.

Das eigentliche Problem ist dann gar nicht, dass du zu wenig gibst. Sondern dass du von dir erwartest, überall besonders viel geben zu müssen.

Gut genug ist nicht lieblos

Vielleicht meldet sich bei dir jetzt ein Widerstand: Soll ich jetzt alles nur noch halbherzig machen? Nein, ganz sicher nicht. Hohe Ansprüche sind nicht das Problem. Du darfst gerne einen wunderschönen Tisch decken, wenn dir das Freude macht. Die Frage ist nur, ob du noch selbst entscheidest, wie viel Aufwand dir etwas wert ist.

Eine große Schüssel Pasta mit Salat kann genauso liebevoll sein wie ein Drei-Gänge-Menü. Deine Gäste erinnern sich später kaum an die Tischdeko. Sie erinnern sich daran, wie viel ihr gelacht habt. Oft sind es sogar die unperfekten Dinge, die einen Abend besonders machen: die etwas zu dunkle Nachspeise, das vergessene Brot.

Die Großzügigkeit, die du anderen schenkst

Ein kleiner Perspektivwechsel hilft mir dabei immer sehr. Wenn deine Freundin sich beim Kaffee für die Jacke auf dem Sessel entschuldigt, ist dir das vollkommen egal. Du freust dich einfach, sie zu sehen. Bei dir selbst wird dieselbe Jacke plötzlich zum Beweis, dass du deinen Haushalt nicht im Griff hast.

Bei anderen erkennen wir so klar, dass ein Mensch viel mehr ist als seine aufgeräumte Wohnung oder seine Leistung. Nur bei uns vergessen wir es. Selbstmitgefühl heißt für mich genau das: dir dieselbe Großzügigkeit zu schenken, die du anderen ganz selbstverständlich gibst. Nicht als Ausrede für alles. Sondern als ehrlichen, menschlichen Maßstab.

Kleine Übung: Schreib eine alte Regel neu

Manche Glaubenssätze erkennen wir erst, wenn wir sie einmal laut aussprechen. Vielleicht kommt dir einer dieser Sätze bekannt vor:

  • „Ich darf mich erst ausruhen, wenn alles erledigt ist.“
  • „Wenn ich etwas mache, dann richtig.“
  • „Ich muss für alle mitdenken.“
  • „Wenn ich Nein sage, bin ich egoistisch.“

Nimm dir Stift und Papier und wähle nur eine einzige Regel, die dich immer wieder unter Druck setzt. Nicht alle auf einmal.

  1. Die alte Regel: Schreib sie so auf, wie sie in deinem Kopf klingt.
  2. Wer hat das beschlossen? Hast du sie von deiner Familie übernommen, selbst entwickelt, oder erwartet sie heute wirklich jemand von dir?
  3. Was gibt sie dir, und was kostet sie dich? Spür ehrlich hinein, auch in deinem Körper.
  4. Deine neue Version: „Für mich darf heute gelten: …“

Du musst deine alten Regeln nicht über Bord werfen. Viele haben dir gute Dienste geleistet. Aber eine Regel, die früher hilfreich war, muss nicht für immer gelten. Probier es einfach einmal aus. Vielleicht bist du überrascht, wie wenig passiert, wenn du eine davon nicht befolgst. Die Welt dreht sich weiter, und die Menschen, die dich lieben, lieben dich trotzdem.

Deine eigenen Maßstäbe

Perfektionismus loslassen heißt nicht, dass dir nichts mehr wichtig sein darf. Es heißt, dass du wieder selbst entscheidest. Dass du früher bemerkst, wenn aus einer schönen Idee eine Verpflichtung geworden ist. Und dass du dich dann kurz fragen kannst: Ist mir das wirklich wichtig? Oder erfülle ich gerade eine Erwartung, die ich nie bewusst gewählt habe?

Manchmal wirst du etwas genauso machen wollen wie bisher. Und manchmal reicht eine einfachere Lösung vollkommen. Vielleicht sitzt du dann beim nächsten Abendessen ein bisschen entspannter mit deinen Lieben am Tisch. Und genau darum ging es doch von Anfang an.

Wenn du tiefer in dieses Thema eintauchen möchtest, findest du in meinem Buch „Alles bestens. Fast.“ noch viel mehr dazu, zum Beispiel über die vielen Rollen, die wir tragen, und die kleinen Kompromisse mit großer Wirkung. Mehr zum Buch

Alles Liebe, Petra

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2 Kommentare

  1. Danke, das kenne ich nur zu gut. Leider schleicht sich bei mir dann immer das schlechte Gewissen ein, weil ich zb die Kinderparty nicht mehr bis ins kleinste Detail durchplane. Sie war es halt jahrelang gewöhnt 🫣 und das ist bei vielen anderen Dingen so. Das muss ich noch lernen ‚auszuhalten‘ 😀

    1. Liebe Lischa, danke dir für deine ehrlichen Worte! 🤍 Oh ja, das schlechte Gewissen kenne ich auch sehr gut. Es klopft immer genau dann an, wenn wir eine alte Gewohnheit loslassen. Eigentlich ist das ein gutes Zeichen, denn es zeigt dir, dass sich gerade etwas verändert. 😉

      Und ganz ehrlich: Deine Tochter wird sich später kaum an die perfekte Deko erinnern. Aber an eine Mama, die mitfeiert und mitlacht. Das „Aushalten“ darf ruhig Schritt für Schritt gehen. Ich wünsche dir ganz viel Leichtigkeit dabei!

      Alles Liebe, Petra

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